Akrostikon Beispiel Essay


Es gibt sie schon lange, und es gibt sehr viele, aber der Durst nach ihnen scheint ungebrochen: Bücher über das Saufen sind ein Trend des Frühlings, nicht ganz so groß wie die Gummistiefelbücher über das Zeitgeist-Phänomen Landlust, aber doch unübersehbar beim Blick in die Verlagsprogramme.

Matthias Politycki schreibt in Versform über Sauftouren durch britische Pubs ("London für Helden. The Ale Train", Hoffmann und Campe), Thomas Kochan über das Saufen in der DDR ("Blauer Würger. So trank die DDR", Aufbau), Der Philosophieprofessor Robert Pfaller schlägt einen größeren Bogen ("Wofür es sich zu leben lohnt", Fischer), in einem Roman huldigt Küf Kaufmann König Alkohol ("Wodka ist immer koscher", Aufbau), und Peter Richter schreibt über das Saufen an und für sich ("Über das Trinken", Goldmann).

Den Rausch retten, weil er Leben rettet

Wer weiß, vielleicht steckt dahinter ein letztes Aufbäumen unserer abendländischen Alkoholkultur - so wie Bäume, kurz bevor sie sterben, noch einmal besonders viele Früchte tragen. "Schon heute zeichnet sich ab, dass es auf dem Gebiet des Trinkens zu einer ähnlich restriktiven Gesundheitspolitik kommen könnte wie zuletzt beim Rauchen", schreibt Richter, im Hauptberuf Feuilletonredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und lässt keinen Zweifel daran, was sein Buch "Über das Trinken" leisten soll: den Rausch retten, weil er Leben rettet - in dem Sinne, dass er das Leben lebenswerter macht. "Es dient der Begründung. Sie trinken. Ich sage Ihnen, warum das vernünftig ist."

Richter plädiert für eine Kultur des Trinkens, aber keinesfalls für das, was sich kultiviertes Trinken nennt: das Gläschen guten Rotweins zum Beispiel, das gelegentlich genossen gesund fürs Herz sein soll. "Nur so viel zu trinken, dass es keine Wirkung tut: Das ist von allen Varianten die mit Abstand erbärmlichste. Wer nur mal nippt, trinkt nicht. Wer nur nippt, verschwendet Rohstoffe." Es gehe eben nicht nur um den Geschmack: "Der tiefere Sinn des Weins ist nicht, dass er schmeckt, sondern dass er wirkt."

Nicht dass nun Missverständnisse auftauchen: Richter redet nicht dem Alkoholismus das Wort, denn "wem zwei Flaschen Wein nicht anzumerken sind, an den sind sie verschwendet; der soll Traubensaft trinken." Er plädiert stattdessen für das, was er schön technizistisch "Trunkenheits-Management" nennt, "kontrolliertes Trinkverhalten": mehr Wochentage ohne als mit, mindestens so viele alkoholfreie Getränke wie alkoholische, bei einer Sache bleiben.

Richter schreibt, dass Alkohol die Welt friedlicher macht ("Mit dem Torkeln des stockbetrunkenen Boris Jelzin verbindet sich heute nicht die Eskalation, sondern das Ende des Kalten Krieges"), dass Komasaufen unter Jugendlichen ein kleineres Problem ist als in vielen Medien behauptet: ("Könnte es sein, dass aus den Kindern vom Bahnhof Zoo die Alkopopper von der Tankstelle geworden sind? Die Zahlen deuten darauf hin"), dass viele Verhandlungen nüchtern kaum zu einem guten Abschluss kämen ("Alkohol ist das Gleitgel für die Worte"), dass eine Pulle ein elegantes Accessoire sein kann ("Die Bierflasche ist sozusagen die Clutchbag des Herrn") und dass viele der größten Schriftsteller Trinker waren ("Es ging darum, dem Kritiker in sich den Mund zu stopfen und dem eigenen Größenwahn die Sporen zu geben").

Den Schnaps im Fruchtsaft verstecken

Nun ja, auch Richter schreibt Sätze, an denen man sich berauschen kann; er kreuzt kulturhistorische Fakten und gehobenen Blödsinn so rasant, wie es eigentlich nur einem angeschickerten Autor gelingen kann. Nüchtern betrachtet, sollte man sein Buch vielleicht gar nicht rezensieren, sondern nur zitieren, allenfalls paraphrasieren.

Zum Beispiel seine Gedanken zum Cocktail, "Amerikas Beitrag zur Welttrinkkultur": Spirituosen ließen sich schneller und einfacher herstellen als Wein und Bier, schreibt Richter, "sie sind das natürliche Rauschgetränk von Leuten, die auf dem Treck nach Westen sind oder unter den Bedingungen einer Prohibition leben müssen". Da die US-Amerikaner gleichzeitig "ein puritanisches Problem mit dem Rausch haben, mit der Sünde und allem nicht ganz so Gesunden", hätten nur sie auf die Idee kommen können, "harte Spirituosen in bunte Fruchtsäfte zu kippen, um sie dort zu verstecken". Diese "Mischung aus Unschuld und Verderben" reihe sich ein in andere kulturelle Errungenschaften, "etwa die Erfindung der Cheerleader". Steile These. Aber einleuchtend, auch nüchtern.

Vielleicht hilft es, hofft Richter, "mutig und verantwortungsbewusst und mit Genuss" gegen das anzutrinken, was Europa in seinen Augen früher oder später drohen könnte: eine Prohibition. Vielleicht hilft es auch, dagegen anzuschreiben. Mit Büchern, die gute Laune machen, weil sie an Drinks erinnern, so wie seines. Nicht an einen Cocktail, dafür ist es zu forsch, nicht an ein Glas guten Rotweins, dafür ist es zu albern, nicht an ein Gläschen Sekt, dafür ist es zu ernsthaft, nicht an eine Maß Bier, dafür ist es zu feinsinnig. Richters Buch erinnert an das, was in Ostdeutschland als Herrengedeck serviert wird: Sekt und Bier gemischt. "Der Sekt nimmt dem Bier das Dumpfe", schreibt der gebürtige Dresdner, "das Bier dem Sektschwips das Hysterische".

Wohl bekomm's!

Fragen der »finnisch-ugrischen Frauenliteratur» am Beispiel der ungarischen Literaturgeschichte

Die schreibende und lesende Frau: Literatur und Weiblichkeit

Als eine Frau lesen lernte, trat die Frauenfrage in die Welt. (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • »Frauenliteratur» als die nachhaltigste und informationsreichste Form von »Frauenkunst» und zugleich als Quelle der Frauengeschichte
  • Widerspruch 1: Christliche Religion, Reformation: Frauen als Evas sündige Töchter, deren »fleischliche» Weiblichkeit durch die christliche Ehe (in der sie ihren Männern gehorsam und untertan sind) domestiziert werden soll →← Frauen als Christinnen, selbständig verantwortlich für ihre moralische Entscheidungen, verpflichtet zu (religiöser) Selbstfindung, zum Lesen und Denken
  • Widerspruch 2: Frauen als »geistige» Wesen (physisch schwach, schutzbedürftig; Verkörperlichungen der »Reinheit», Mütter als moralische Erzieherinnen, angels in the house) → Literatur als »Frauensache» (die Kunst, die sich am besten für Frauen eignet – wegen ihres nichtphysischen Charakters und auch wegen ihrer moralisch-erzieherischen Funktion), lesende und schreibende Frauen (bes. in höheren Schichten der Gesellschaft) nicht ungewöhnlich →← Frauen als biologische Wesen (im Dienst der Fortpflanzung, der Familie, des Mannes; mehr emotional und unkritisch, weniger intelligent, von ihren biologischen Funktionen beschränkt, zur Unselbständigkeit und Unmündigkeit bestimmt) → Literatur (Lesen und Schreiben) beschädigt die empfindliche weibliche Psyche, gefährdet ihre Tugend, überfordert ihre Intelligenz, erweckt hoffnungslose Erwartungen, führt zur Vernachlässigung von Familien und Kindern und dadurch zum Chaos in der Gesellschaft
  • Geschlechtsspezifische Erwartungshorizonte: Frauendomänen sind die Kinder- und Jugendliteratur, Feuilletons und Reisebeschreibungen, Darstellungen von Familien- und Frauenleben, der Roman (bes. im 19. Jh., als er noch eine junge und geringer geschätzte literarische Gattung war) und später die short story – während ernste, anspruchsvolle Lyrik (?) und Epik Männern überlassen werden sollen
  • .

»Mór Jókai startete in den vierziger Jahren des 19. Jh.s in dem Blatt Életképek (Lebensbilder) eine eigene Rubrik für Frauen namens Hölgyszalon (Damensalon). Seiner Auffassung nach sind Frauen naturgemäss für Gefühle ‘zuständig’, Männer für Taten. Daher sei die Aufgabe der Frauen in der Literatur, über die weibliche Seele und Lebenswelt zu schreiben.» (Hámos 2000: 32)

»Die Frauen sind zur ermüdenden und strengen Abstraktion nicht imstande, zur tiefgreifenden Analyse, und lassen sich aufgrund ihrer durch ihre Lage bedingte beschränkte Sichtweise und wegen ihrer stürmischen Leidenschaften immer zur Einseitigkeit hinreißen, was es ihnen unmöglich macht, dem Stoff der Kunst und der Wissenschaft Herr zu werden. Daher gelingen in ihren Werken eher einzelne Teile als das Ganze; in bestimmten Kreisen können sie sich zu erstaunlicher Größe erheben, aber ihr Kreis bleibt immer beschränkt, ihre Feinheit, ihr Glanz, die Stärke ihrer Gefühle reißt den Kenner mit sich, aber die Stärke, Tiefe und Präzision kann niemand zurecht in ihnen bewundern. Sie haben nicht genug Ruhe für die tiefe und unmittelbare Intuition, sie haben nicht genug Kraft für das Sammeln des Willens und der seelischen Talente, jedoch wird ohne dies nichts Großes geboren.» (Pál Gyulai, Írónőink [Unsere Schriftstellerinnen], 1858; Übers. Hámos 2000: 33–34).

Schreiben die Frauen anders, und wenn, dann nur, weil sie Frauen sind?

  • Die schreibenden Frauen haben sich den von Männern bestimmten Traditionen anpassen müssen (manchmal auch unter männlichen Pseudonymen!) – hätten sie sonst anders (»weiblicher») schreiben können?
  • Oder umgekehrt: Wird den Frauen eine »weibliche» Rolle aufgezwungen, die ihr künstlerisches Schaffen (Sprache, Stil, Thematik, Genre) beschränkt?
  • Wird die Weiblichkeit in der Literatur von der psychologischen Entwicklung (Sozialisation, »relationaler Feminismus») oder der Biologie der Frau bestimmt (»Körperlichkeit», écriture féminine usw.), oder ist sie nur eine Widerspiegelung von sozialen Rollen?
  • Schreiben die Frauen anders, weil sie weniger Möglichkeit zur Konzentration und langfristiger Arbeit (»a room of one’s own») haben? (Welches Genre ist dann weniger anspruchsvoll und dadurch typisch für Frauen geeignet? Der Roman (bes. im 19. Jh.), als geringer geschätzt? Die Lyrik?)

    »Wir leben in einer Gesellschaft der Männer – wie wir wissen – und darin besteht auch die allgemeine literarische Meinung, dass die Frauen gute Gedichte schreiben, vielleicht auch Essays, aber Prosa oder Drama schon weniger... Heute stimmt das nicht mehr ganz so, aber irgendwie schon, inwieweit die Frauen sich in der Lyrik auszeichnen. Das ist kein Zufall. Das bedeutet nicht, dass sie empfindlicher wären als Rilke, Celan, Attila József oder Pilinszky. Die Lyrik ist ein anspruchsvolles und geschlossenes Genre, von vielen für einen der Grundpfeiler der Künste – neben der Musik – gehalten, sie benötigt eine vielseitige Phantasie und einen starken Freiheitsdrang. Aber sie kann sich auch unter schweren Lebensumständen entfalten. Denken wir an die großen männlichen Dichter der Weltliteratur, die in Elend gelebt haben. Für das Schreiben der Prosa braucht man eine viel größere wirtschaftliche und persönliche Unabhängigkeit. Es ist also kein Zufall, dass Dichterinnen vor allem im 20. Jahrhundert in den Vordergrund getreten sind, auch jetzt eher Mitte und Ende des Jahrhunderts, als das Leben der Frauen immer selbständiger sein konnte, immer weniger ausgeliefert. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wächst auch der Anteil der Prosaistinnen und Essayistinnen, im entwickelten Westen erscheinen schon am Anfang des 20. Jahrhunderts solch bedeutende Autorinnen wie Katherine Mansfield oder Virginia Woolf. Und jetzt, am Ende des Jahrhunderts, während die Lebensweise sich bedeutend verändert, gibt es immer mehr gute oder bedeutende Prosaistinnen, ausgezeichnete Essayistinnen; früher oder später wird es auch Drama geben, so glaube und hoffe ich. Dabei habe ich noch nicht die hervorragenden Kritikerinnen, Literaturhistorikerinnen, Übersetzerinnen aufgezählt, die Fachmann-Frauen der Literaturtheorie...» (Zsófia Balla in Lettre 24/1997) [Man denke an bedeutende Dramatikerinnen wie z.B. Elfriede Jelinek...]

Gibt es überhaupt so etwas wie »Frauenliteratur» (Literatur von Frauen, für Frauen, über Frauen)?

Grobe Periodisierung der »Frauenliteratur» (in Ungarn)

Erste schreibende Frauen: Streudenkmäler

Frauen, die nur durch einen (zufällig, in alten Bet- oder Gesangbüchern erhaltenen) Text bekannt sind: typischerweise autobiographische und/oder religiöse Texte.

Heléna Horvát: Cantio jucunda
 
Én Istenem, hogy elvivéd az én szerencsémet,
Ifjúságban kell viselnem én özvegységemet,
Nagy bánattal kell megennem az én kenyeremet.
[...]
Minden ember erről magát eszében veheti,
Hírét nevét, jó életét megoltalmazhatja,
Szent törvényét az Istennek ha hátra nem veti.


Az Úristen szent lelkével vezérje azokat,
Igazgassa házasságban az ő életöket,
Mindhalálig őrizhessék ő tisztességöket.

Ez éneket az ki szerzé szomorú kedvében,
Ezer ötszáz és hatvanhat az jó esztendőben,
Kentelkiben ezt így szerzé siralmas szivében.

[Mein Gott, wie Du mein Glück weggenommen hast, / in meiner Jugend muss ich meine Witwenschaft ertragen, / mit großer Trauer muss ich mein Brot essen. [...] Daraus soll jeder lernen, / seinen guten Ruf, sein gutes Leben erhalten, / wenn er das heilige Gesetz Gottes nicht verlässt. // Herr Gott mit seinem heiligen Geist möge sie leiten, / ihr Leben in der Ehe führen, / damit sie bis zum Tod ihre Ehre behalten. // Wer dieses Lied verfasste im traurigen Gemüt, / im guten Jahr 1566, / hat es in Kentelke, in ihrem trübseligen Herzen so geschrieben.]

Bolondság volt nádhoz bízni,
ki fel szokott szépen nőni,
de mihelyt a szél kezd fújni,
mindenfelé kezd hajlani.

Én is bíztam egy nádszálhoz,
ki elhagyott, hajlott máshoz,
kiért immár halálomhoz
közel vagyok végórámhoz.

[...]
(1690)

[Eine Torheit war es, sich auf einen Rohrhalm zu verlassen, / der schön in die Höhe aufwächst, / aber sobald der Wind aufkommt, / beginnt, sich überallhin zu biegen. // Auch ich habe einen Rohrhalm getraut, / der mich verlassen hat, sich zu einer anderen gebogen, / wegen dessen ich schon meinem Tod, / meiner letzten Stunde nahe bin.]
»Den Namen der Verfasserin verrät nur das Akrostikon, die Anfangsbuchstaben. Das Lied pflegt man einem János Benefi zuzuschreiben, obwohl in den Anfangsbuchstaben deutlich Benefi János [= Ehefrau des János Benefi] geschrieben steht. Außer acht geblieben ist bisher auch die Tatsache, dass dieses Lied nur die Klage einer Frau sein kann. ‘Meinen Bissen gab ich in deinen Mund, wie eine Taube’; so spricht eine Frau.» (Sándor Weöres)

Erste Schriftstellerinnen mit erhaltenen Oeuvres

Kata Szidónia Petrőczi (1664–1708): fast 50 erhaltene Gedichte mit religiöser (Kirchenlieder) oder persönlicher Thematik (unglückliche Liebe), Prosaübersetzungen (religiöse Literatur)

Az Párkák fonala,
napjaimnak száma,
vajjon mikor szakad el?
Ki soha semmi jót,
csak gyötrelmet s gondot
látok és bús éltemmel
vagyok megterhelve,
mintha világ terhe
nyomna illy szörnyüséggel!


[Der Faden der Parzen, / die Zahl meiner Tage, / wann wird er wohl reißen? / Ich, die ich nie etwas Gutes, / nur Pein und Kummer / sehe und mit meinem traurigen Leben / belastet bin, / als ob die Bürde der Welt / mich mit solchem Schrecken drückte!]

Katalin Bethlen (1678–1725), Gattin des letzten Fürsten von Siebenbürgen, Mihály II Apafi

»BETLEN KATA SJRASA» [Akrostikon: Die Klage der Kata Bethlen]

Bokros bánatokkal tellyesek napjaim,
sürü zokogással fekvésim, kelésim,
jajjal siralommal rakva esztendeim,
könnyhullajtásokkal nedvesek orcáim.

Értem az világnak keserü ízire,
kit ingyen sem töltött ugyan a fejemre,
de gonosz szerencse elbágyadt lelkemre
öntené forróját mint ellenségire.
[...]

[Voll von mannigfaltigen Leiden sind meine Tage, / von häufigem Schluchzen all mein Liegen, mein Aufstehen, / mit Wehe und Weinen sind meine Jahre beladen, / nass von Tränen sind meine Wangen. // Ich bin zum bitteren Geschmack der Welt gekommen, / den zwar niemand umsonst auf meinen Kopf gießt, / aber das Unglück will auf meine erschöpfte Seele / seinen brennenden Hass ergießen, wie auf einen Feind.]
»Apafiné Bethlen Katalin gehört zu den Größten der alten ungarischen Dichtung, neben Balassi und Zrínyi. Wo hat sie, unbekannt, so lange gesteckt?» (Sándor Weöres)

Árva Bethlen Kata (Katalin Bethlen, »die Waise»; 1700–1759): »die ungarische Antigone», »eine protestantische Heilige», Verfasserin der Autobiographie Életének maga által való rövid leírása, Bibliophilin (Gründerin einer Magyar Bibliotheca). »... eines der originellsten Phänomene in der ungarischen Prosa von damals und in allen Zeiten. Ihr Schaffen ist nicht von geringerem Wert als die Schriften von ihren etwas älteren siebenbürgischen Zeitgenossen Miklós Bethlen, Péter Apor und Kelemen Mikes.» (Sándor Weöres)

Das literarische Lexikon von Péter Bod, Magyar Athenas (1766) erwähnt schon einige Frauennamen unter 528 ungarischen Autoren.

Erste Frauen in literarischen Kreisen: von Männern begleitet

Obwohl viele Literati des späten 18. Jahrhunderts auch positive Ansichten über die geistigen Fähigkeiten der Frau geäußert haben (z.B. soll die Frau eine schnellere Auffassungsgabe besitzen) und die wichtige Rolle der Frau als Leserin und Mäzenin der Literatur anerkannt wurde, sind die Autoren fast ausschließlich Männer, zuweilen auch in der Rolle einer Frau. Der Roman Fanni hagyományai (Fannys Nachlass, 1795) von József Kármán (1769–1795), die autobiographische Liebestragödie einer fiktiven jungen Frau, wurde jahrzehntelang für eine authentische Frauenschrift gehalten.

Die Dichterinnengruppe um József Gvadányi (1725–1801), Dichter und Mäzen:

  • Borbála Molnár (1760–1825): erste »professionelle» Dichterin Ungarns, gab nach einer unglücklichen Ehe, verwitwet und arm, vier überraschend beliebte Gedichtsammlungen heraus; u.a. auch Briefwechsel in Versform mit Gvadányi und anderen Dichtern, auch mit Krisztina Ujfalvy (Máté Jánosné, 1761–1818; Barátsági vetélkedés vagy Molnár Borbárának Máté Jánosné asszonnyal a két nem hibái és érdemei felől folytatott levelezései [‘Freundschaftliche Polemik, oder der Briefwechsel von B. M. mit Frau J. M. über die Fehler und Verdienste der beiden Geschlechter’], 1804)
  • Juliánna Fábián (1765–1810)

Judit Dukai Takách (1795–1836): schon um 1815 eine berühmte Dichterin, mit mehreren bekannten und/oder verwandten Mentoren aus den berühmten Literatenkreisen.

»Das Helikon von Göcsej»: Amateurdichterinnen um Ádám Pálóczi Horváth in den 1810er Jahren: Teréz Dóczy, Rozi und Lizi Tuboly, Klára Kazinczy.

Erste »selbständige Schritte»

Frauen über Frauenthemen: Éva Takáts und ihre Tochter Teréz Karacs (1808–1892; Direktorin einer Mädchenschule, Dichterin, Publizistin, Dramaturgin...), Amália Bezerédj (1804–1837; Pionierin der ungarischen Kinderliteratur: Flóri könyve [‘Floris Buch’])...

»Es scheint, dass die Hoffnungen der vorigen Jahrhundertwende bis zu den 1840er Jahren wahr wurden: Die Ungarinnen lasen ungarische Werke, in ungarischer Sprache. Viele haben trotzdem das zwar noch nicht massive, jedoch schon bedeutende weibliche Publikum noch für erziehungsbedürftige Kinder gehalten – vor allem diejenigen, die die Literatur als ein Hilfsmittel der Erziehung betrachtet haben.» (Fábri 1996)

»Die in den sog. ‘Modezeitschriften’ (divatlapok) der 1840er Jahre mehr oder weniger regelmässig publizierenden Dichterinnen und Feuilletonistinnen traten vor ihr Publikum zumeist als Dilettantinnen, zugleich als Autorinnen von didaktischer Lektüre vor, wobei ihre Auffassung von der Literatur (und der Schriftstellerrolle) von einem bestimmten moralisch-aufbauenden Utilitarismus geprägt war. Die publizistische Tätigkeit von Frauen war keine Ausnahme mehr, im Gegenteil, wurde immer mehr akzeptiert; trotzdem traten viele nicht unter ihrem eigenen Namen vor, sondern versteckten sich hinter Pseudonymen oder Monogrammen. Umstritten war nicht mehr, ob die Frauen berechtigt und fähig zum Schreiben sind, sondern ob es authentisch weibliche Themen und Gattungen gibt.» (Fábri [Hg.] 1999)

Én nem vagyok írónő, csak írogatok néha! [‘Ich bin keine Schriftstellerin, beschäftige mich nur ab und zu mit dem Schreiben!’] – Teréz Karacs.

Professionalisierung und Emanzipation

Debatten zur Frauenerziehung, Ehescheidung, Weiblichkeit, Frauenliteratur begleiten das Auftreten von immer mehreren Schriftstellerinnen.

Die »Schar der jungen Dichterinnen» etabliert sich in der ungarischen Literatur, in »ewig-weiblichen» (Flóra [Majthényi, 1837–1915], Atala [Kisfaludy, 1836–1911], Malvina [Niczky-Tarnóczy, 1843–1915] usw.) oder tragischen Rollen (die jung verstorbenen Teréz Ferenczy, 1828–1853, und Polixéna Szász). Die zwei ersten Anthologien der ung. Frauendichtung: Nemzeti Hárfa [‘Harfe der Nation’, hg. Albert Farkas 1862], Hölgyek Lantja [‘Laute der Damen’, hg. Károly Zilahy 1864].

»Neben der zahlreichen dichtenden Damen erschienen auch solche Autorinnen von Romanen und Novellen, die nicht mehr nur Geschichten mit didaktischen Zielen zusammenstellten, sondern sich furchtlos mit der Schilderung von den Erfahrungen des Frauenlebens und -schicksals befassten. Die Lyrik hätte man schon für einen traditionell weiblichen Bereich halten können; trotzdem erregten eben die in der Dichterrolle auftretenden Frauen Ärgernis unter den Literaturkritikern. Kann sein, dass die Kritiker den Familienmüttern gegenüber gütiger gesinnt waren, die ihr Brot mit dem Schreiben (zumeist von Prosa) verdienten.» (Fábri 1996)

Die erste Erfolgsautorin: Lenke Beniczky-Bajza (1840–1905) gehört mit ihren mehr als 50 Romanen, mehreren Novellensammlungen und Schauspielen zu den produktivsten und beliebtesten ungarischen Schriftstellern des 19. Jh.s. »Sie war weder Künstlerin noch Dilettantin, sondern eine Handwerkerin.» (Die Professionalisierung der Frauenunterhaltung gehört auch zur Moderne; während die Leserschaft der Literatur immer größere Massen umfasst, distanziert sich die anspruchsvolle, »echte», »männliche» Kunst von der »weiblichen» leichteren Lektüre.)

»Die letzten großen Dilettantinnen, die ersten echten Künstlerinnen»

»Ein großer Wendepunkt in der ungarischen Frauenliteratur waren die 1880er Jahre, da zwei Dichterinnen, Fruzina Szalay [1864–1826] und Minka Czóbel [1855–1947] vortraten, die – im Gegenteil zu den in Gruppen, verschiedenen Bewegungen und Gesellschaften organisierten Schriftstellerinnen – die Dichtung für sich selbst trieben, ohne sich auf äußere Ziele zu richten.» (Fábri 1996)

Die »Frauenfrage» (mehr in der Presse als in der Literatur), der Feminismus, sich erweiternde und ganz neue Frauenrollen; Spätromantik, Dekadenz → Erotik aus weiblicher Sicht (z.B. Renée Erdős, 1879–1956); Ablehnung der Frauenrolle (Sarolta alias Sándor Vay, 1859–1918).

»Gleichsam als eine Reaktion auf ihre lange Unterdrückung fielen die meisten Schriftstellerinnen ins andere Extrem und der Markt wurde mit einem Schlage von Romanen überschüttet, in denen die heiße Erotik Orgien feierte. -- Die Männerwelt stand indes nur eine vergleichsweise kurze Zeit im Banne dieser durchglühten und wild erotischen Stimmen. Dann kam ihre Reaktion: ‘Ja, ist dies die ganze Fülle der weiblichen Seele? Ist das alles, was uns eine Frau über sich sagen kann?’» (Jutka Miklós [1919], übers. von Pál Deréky in Hámos 2000: 38; Hervorhebung JL)

»In diese frauenliterarische Landschaft schlug Margit Kaffkas Literatur wie eine Bombe ein. Ihr Auftreten wird als Meilenstein der ungarischen Frauenliteratur angesehen...» (Hámos l.cit.)Margit Kaffka (1880–1918) »...‘war ein selbstbewusster Schriftsteller, eine vielseitige und hochmütig-empfindliche Seele’, schreibt über sie ein Bewunderer um ein Vierteljahrhundert später, und es ist kein Zufall, dass er sie ‘Schriftsteller’ (író), nicht Schriftstellerin (írónő) nennt. Kaffka wurde von männlichen Kollegen als eine Gleichrangige aufgenommen. Sie war die erste ungarische Schriftstellerin im Redaktionskollegium einer renommierten, sogar massgebenden literarischen Zeitschrift, unter den wichtigsten Mitarbeitern des Nyugat.» (Fábri 1996)

Das langsame »Mainstreaming» – Ende der »Frauenliteratur»?

Vgl. Elaine Showalters Typologie der Entwicklungsphasen in der angloamerikanischen Frauenliteratur:

  1. Feminine phase (1840-1880): Frauen schreiben, um die intellektuellen Errungenschaften der Männer einzuholen, und akzeptieren die männlichen Auffassungen von der weiblichen Natur
  2. Feminist phase (1880-1920): Frauen stellen die traditionelle Weiblichkeit in Frage und beschreiben vor allem die soziale Ungerechtigkeit
  3. Female phase (1920–): Frauen lehnen sowohl die Imitation als auch den Protest ab, erforschen das autonom weibliche Erlebnis, analysieren nicht nur die Inhalte sondern auch die Formen und Techniken der Kultur aus feministischer Perspektive

Gibt es Frauenliteratur in Ungarn?

Ist die Literatur immer noch eine Welt der Männer?

»Ich will nicht verschweigen, dass wir in einer Männerwelt leben. Das hat viele Folgen. Es kann z.B. vorkommen, dass – auch wenn es um ähnlich messbare Talenten und Errungenschaften geht – dem/den Kollegen, der einen literarischen Abend veranstaltet, keine einzige weibliche Schriftstellerin-Kollegin einfällt, die er einladen könnte. Er lässt die Frauen nicht absichtlich außer acht, er kommt nur nicht darauf, an sie zu denken. Er ist nicht dazu sozialisiert worden, so etwas gibt es nicht im allgemeinen oder privaten Bewusstsein. In der Ende 1995 erschienenen, 17sprachigen Literaturanthologie gibt es unter 55 Verfassern zwei Frauen. Eine vielsagende Vergesslichkeit und Zerstreutheit, die darüber erzählt, dass diese nicht existieren, nicht als Literatur zählen. Es gibt auch eine Anekdote: ein Mitglied einer Schriftstellerdelegation, die Ungarn besucht hat, fragte bei einer Lesung, ob es hier keine schreibenden Frauen gibt. Dazu haben die namhaften ungarischen Schriftsteller nur bedauernd die Arme ausgebreitet. Ágnes Nemes Nagy, schon eine Klassikerin der ungarischen Literatur, sass damals im Saal. Ich weiss nicht, ob sie dann wegging. Das Interessante bei all diesem ist, dass der Ausschluss der Frauen nicht bewusst, wohl aber absichtlich ist. Wenn es dem Kollegen einfällt, kann er sogar um Entschuldigung bitten. Aber bei der nächsten Veranstaltung, oder wenn zum nächsten Mal Namen prahlerisch aufgezählt werden, vergisst er wieder die Kollegin, die in Wirklichkeit Konkurrenz darstellt. Jaja, das Leben wird immer härter... Eine Frau wird wahrscheinlich nicht als Schriftstellerin oder Philosophin im Gedächtnis eines Mannes bleiben. Den Kritiker/die Kritikerin, ihn/sie wird er sich merken, ja freilich, wie er auch die Ratschläge seiner Mutter nicht verzeihen kann.» (Zsófia Balla in Lettre 24/1997)

Die Genderaspekte in der Literatur existieren nicht als eine Welt für sich (»Frauenliteratur») sondern sind – ebenso wie in der Sprache – mit anderen Faktoren organisch zusammengewachsen. Interessant ist vielleicht nicht, ob die Frauen anders schreiben (laut Zsófia Balla gibt es vielleicht »Männliches» und »Weibliches» in der Literatur, aber unabhängig von dem Geschlecht des Verfassers: Iván Mándy schreibt »weiblich», Ágnes Nemes Nagy dagegen »männlich»), sondern eher,– wie sich die Frauen in der Literatur als System oder soziale Konstruktion durchsetzen können: Frauen- und Männerrollen– was von den Frauen und den Männern erwartet wird, wie sie als Frauen oder Männer rezipiert werden,– wie Frauen und Männer in der Literatur dargestellt werden, und wie sich diese Darstellungen mit der sozialen Wirklichkeit verhalten...

... d.h.: die Schnittstellen zwischen Literatur und Gesellschaft?

 

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Aktualisiert 12.01.2004.

johanna.laakso@univie.ac.at

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